Forum - Erich Fried

 
Billie-Blue

Die Gewalt fängt nicht an,

wenn einer einen erwürgt.

Sie fängt an, wenn einer sagt: 

" Ich liebe dich:

du gehörst mir."

 

Die Gewalt fängt nicht an,

wenn Kranke getötet werden.

Sie fängt an, wenn einer sagt:

"Du bist krank:

Du musst tun was ich sage!"

 

Die Gewalt fängt an,

wenn Eltern 

ihre folgsamen Kinder beherrschen,

wenn Päpste und Lehrer und Eltern

Selbstbeherrschung verlangen.

 

Die Gewalt herrscht dort wo der Staat sagt:

"Um die Gewalt zu bekäpfen

darf es keine Gewalt mehr geben

außer meiner Gewalt."

 

Die Gewalt herrscht

wo irgendwer oder irgend etwas

zu hoch ist  oder zu heilig 

um noch kritisiert zu werden.

 

Die Gewalt herrscht dort,

wo sie ihre Gegner einsperrt

und sie verleumdet

als Anstifter zur Gewalt.

 

Das Grundgesetz zur Gewalt 

lautet:"Recht ist, was wir tun.

Was die anderen tun,

das ist Gewalt."

 

Die Gewalt kann man vielleicht nie 

mit Gewalt überwinden,

aber auch nicht immer

ohne Gewalt.

"Die Gewalt" von Erich Fried (1921-1988)

Sein Vater ist 1938 in Wien durch die  Gestapo umgekommen. Er floh nach London und verhalf von dort seiner Mutter und 70 anderen Menschen zur Flucht. Seine Lyrik spiegelt seine kompromisslose und nonkonforme Haltung. Das Gedicht hat mich früher schon zum Nachdenken angeregt und berührt mich gerade heute wieder. 

 

Raptor

Das sollte heute als Pflichtlektüre in den höheren Schulen verwendet werden!

Maarja

Mal wieder Erich Fried lesen tut gut in diesen Zeiten. Das Gedicht ist toll! Ja das wäre wirklich ein guter Gesprächseinstieg mit Heranwachsenden