Sein Vater ist 1938 in Wien durch die Gestapo umgekommen. Er floh nach London und verhalf von dort seiner Mutter und 70 anderen Menschen zur Flucht. Seine Lyrik spiegelt seine kompromisslose und nonkonforme Haltung. Das Gedicht hat mich früher schon zum Nachdenken angeregt und berührt mich gerade heute wieder.
Die Gewalt fängt nicht an,
wenn einer einen erwürgt.
Sie fängt an, wenn einer sagt:
" Ich liebe dich:
du gehörst mir."
Die Gewalt fängt nicht an,
wenn Kranke getötet werden.
Sie fängt an, wenn einer sagt:
"Du bist krank:
Du musst tun was ich sage!"
Die Gewalt fängt an,
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen,
wenn Päpste und Lehrer und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen.
Die Gewalt herrscht dort wo der Staat sagt:
"Um die Gewalt zu bekäpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt."
Die Gewalt herrscht
wo irgendwer oder irgend etwas
zu hoch ist oder zu heilig
um noch kritisiert zu werden.
Die Gewalt herrscht dort,
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt.
Das Grundgesetz zur Gewalt
lautet:"Recht ist, was wir tun.
Was die anderen tun,
das ist Gewalt."
Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden,
aber auch nicht immer
ohne Gewalt.
"Die Gewalt" von Erich Fried (1921-1988)
Sein Vater ist 1938 in Wien durch die Gestapo umgekommen. Er floh nach London und verhalf von dort seiner Mutter und 70 anderen Menschen zur Flucht. Seine Lyrik spiegelt seine kompromisslose und nonkonforme Haltung. Das Gedicht hat mich früher schon zum Nachdenken angeregt und berührt mich gerade heute wieder.